Sterben, Tod, Krankheit – das sind alles Themen, die in unserer Gesellschaft nicht gerne gehört, erlebt werden, die geradezu tabuisiert sind.

Dabei ist doch jedem von uns klar, dass auch wir eines Tages diese Welt verlassen müssen, oder? Und das Leben macht doch erst Sinn, weil es endlich ist. Finde ich. Oder möchtest du ewig leben? Ich kenne viele Menschen, interessanterweise meist junge, die das als einen der größten Wünsche angeben.

Ich habe in meinem Leben schon immer mit Tod, mit dem Sterben zu tun gehabt. Viele Menschen, die mir zum Teil sehr viel bedeutet haben, sind gegangen… Als ich 24 Jahre alt war, starb sehr plötzlich mein Vater an einem akuten Herzinfarkt. Einfach so. Von Heute auf Morgen. Mein bester Freund starb 2007 an Lungenkrebs. Meine Mutter Anfang 2015 an Eierstockkrebs, meine Schwiegermutter im Frühjahr dieses Jahres. Dazwischen viele, viele Andere, Freunde, Bekannte, Kollegen…. Die Liste ist lang.

Einige durfte ich beim Sterben begleiten. Meinen besten Freund, meine Mutter, meine Schwiegermutter. Ich fühle mich in diesen Situationen lebendiger als sonst. Ich finde, man ist bei der Sterbebegleitung dem Leben sehr, sehr nah…

Es ist natürlich weitaus tragischer, wenn ein Mensch viel zu früh aus dem Leben geht. Aber auch das kann man irgendwann akzeptieren, damit leben.

Ich möchte an dieser Stelle ein Gedicht einbringen, was mir immer sehr geholfen hat, das Sterben eines (kranken) Menschen zu überstehen.

Ein Fest ohne Ende

Eines Tages
werden wir Körper haben
deren Leichtigkeit die Schmetterlinge neiden
mit einer Vollkommenheit
die die Engel staunen lehrt

Wir werden Körper haben
von Licht umschmeichelt
von Sonne durchflutet
wir werden lächelnde Weite sein

und wir werden diejenigen sein
die sich zärtlich
an die warme Erde schmiegen
die lustvoll das Wasser umarmen
die lachend im Feuer tanzen
und kraftvoll mit den Winden fliegen

Wir werden dazu gehören
unsagbar schön
unendlich leicht

Kein Schmerz und keine Narben
kein Hinken und Stolpern
keine Lähmung, kein Sterben
und keine Träne wird
mehr sein.

und dieses Fest
werden wir feiern
mit all jenen
die uns trotzdem
dennoch oder gerade darum lieben
und unsere Schönheit
immer schon ahnten

ein Fest ohne Ende
So ist es uns verheißen

 

 

Bernadotte Grabner

 

Mir gefällt diese, in dem Gedicht beschriebene Vorstellung sehr, sehr gut. Und wer weiß, vielleicht ist das, was „danach“ kommt, ja wirklich so schön?

Ich selber bin kein tiefreligiöser Mensch. Aber eins war mir jedes Mal, wenn ich einen gerade gestorbenen Menschen sah, ganz klar: Das, was diesen Menschen ausmachte, seine Seele, war eindeutig nicht mehr in diesem Körper! Ich empfand das, was da vor mir lag, wie eine Art Haut, die abgestreift wurde. Und diese Einsicht half mir jedes Mal.

Schön, wenn man so stark in seinem Glauben ist, dass man an ein Leben nach dem Tod glaubt – was ja viele Menschen können.

Ich weiß nicht, WAS danach kommt, aber dafür, DAS etwas danach kommt. Und das tröstet mich.

Ansonsten sind die, die mir wirklich nahestanden, irgendwie auch immer noch da – und das ist schön!

Das Leben ist nun mal ein Wachsen und Vergehen. Wie in der Natur auch. Deswegen ist ein Gang durch die Natur auch immer sehr gut für das seelische Wohlbefinden.

Ich werde demnächst eine Ausbildung zur Sterbebegleitung im Hospiz machen und danach einmal die Woche dort ehrenamtlich Menschen begleiten, die ihre letzten Tage auf Erden verbringen. Ich werde dort wohl sehr viel lernen!

An dieser Stelle möchte ich dir das Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware (Goldmann Verlag) ans Herz legen. Es ist ein wirklich wunderbares Buch, welches einem vermittelt, dass diese fünf Dinge, die die Autorin bei der Begleitung von Sterbenden (übrigens verschiedenen Alters) erfuhr, uns Lebenden helfen können. Wir sollten JETZT so leben, dass wir nicht am Ende, auf dem Sterbebett sagen müssen: „Ach, hätte ich doch….!“ Denn das, was diese Menschen bereuten, war nicht das, was sie getan hatten, sondern das, was sie, aus welchen Gründen auch immer, NICHT taten!

Daher können wir, die wir ja noch die Gelegenheit haben, JETZT doch versuchen, ein erfülltes Leben zu führen.

Und denkt man öfters an seine eigene Endlichkeit, reduzieren sich manche Probleme von ganz allein. Wie oft machen wir uns wegen Kleinigkeiten oder aber angeblich soooo wichtigen Angelegenheiten verrückt! Dabei ist das Meiste eigentlich nicht mal halbwegs von Bedeutung.

Lies dieses Buch ruhig einmal! Es ist übrigens in keinerlei Weise deprimierend, eher vermittelt es dem Leser Lebensfreude!

In meinen Vorträgen und Seminaren spreche ich auch immer die Themen Krankheit und Sterben an, was die Zuhörer, Seminarteilnehmer oftmals zunächst erschreckt, dann aber verständlich wird. Für mich gehören diese Lebensphasen zum Thema Glück eindeutig dazu! Viele Kranke, zum Beispiel an Krebs leidende Menschen, sagten sogar „Ich bin meinem Krebs richtig dankbar! Die letzten Wochen/Monate/Jahre meines Lebens waren so erfüllt, so intensiv, so schön, wie das gesamte vorherige Leben niemals war.“ Es erscheint manchmal so, als würden schwer Kranke, Sterbende eine Art Handbuch überreicht bekommen, in dem steht, wie sie die verbliebene, kostbare Zeit erleben möchten. Viele brechen den Kontakt zu „Energieräubern“ (Menschen, nach deren Kontakt man sich förmlich „ausgesaugt fühlt) ab, tun nur noch die Dinge, die ihnen wirklich etwas bedeuten und lassen die negativen Menschen, Tätigkeiten etc. einfach los.

Da diese Einsicht scheinbar bei fast allen dieser Menschen auftritt, scheint es so zu sein, dass jeder von uns dieses Wissen schon besitzt! Und wenn dem so ist – warum sollten wir dann nicht so klug sein, diese Erkenntnisse jetzt schon umzusetzen?

In meinen Seminaren führe ich immer ein diesbezügliches „Experiment“ durch. Die Ergebnisse sind oftmals verblüffend!

Ich möchte dir auch einen wunderbaren Film mit dem etwas nichtssagenden Titel „Noch einmal Ferien“ (2006) empfehlen. Die Hauptdarstellerin Queen Latifah spielt hier eine Frau, die eigentlich zwei Leben führt – eins, das sie im „harten Alltag“ führt und eins, was sie erträumt und in ihrem „Buch der Möglichkeiten“ dokumentiert. In diesem Buch sind all ihre Wünsche aufgeführt, seien es zum Beispiel Orte, die sie für ihr Leben gern besuchen würde oder aber der Mann, ein Kollege, den sie heimlich liebt. Nach einem kleinen Arbeitsunfall eröffnet man ihr, dass bei einer medizinischen Untersuchung festgestellt worden sei, dass sie eine unheilbare, tödliche Krankheit und nur noch wenige Wochen zu leben hätte. Sie holt daraufhin alle ihre Ersparnisse von der Bank und führt schließlich das Leben, was sie in ihrem „Buch der Möglichkeiten“ beschrieben hatte.

Am Ende kommt dann natürlich heraus, dass es eine Fehldiagnose war – sie also weiterleben darf. Ein echter Filmgenuss, der einen zum Überdenken des eigenen Lebens anregt…

Ich beende diesen Beitrag mit folgendem, von Jonathan Swift verfassten Wunsch:

„May you live all the days of your life.“ (Mögest du jeden Tag deines Lebens leben.)

 

7 Kommentare

 

  1. 21. Mai 2017  8:58 von Renata Fridli Antworten

    Liebe Martina vielen Dank für den sehr schönen Text. Diese Schwelle von Leben und Tod, dieser Übergang empfind ich als etwas sehr wertvolles. Diese heiligen Momente beim Sterben und bei der Geburt, der Ein- und Austritt sind etwas ganz Tiefes. Leider wird in unserer Kultur das Thema Sterben immer noch zu sehr tabuisiert und ich würde mir einen natürlicheren Umgang wünschen. Ich finde es wunderbar dass Du diesem Thema so einfühlsam annimmst.

  2. 20. Mai 2017  23:59 von Claudia Antworten

    Danke für die Worte über das Sterben. Schön, dass du das Sterben zum Thema der Glückszeiten machst. Ich erlebe es so, dass ich dann glücklich bin, wenn ich im Bewusstsein meiner Endlichkeit bin.

  3. 20. Mai 2017  21:08 von Manuela Antworten

    Mein "Lieblingsbuch" bei diesem Thema, wenn man das überhaupt so sagen kann, ist "Die zehn besten Tage meines Lebens". Mit einem Aufsatz über die zehn besten Tage ihres Lebens muss Alex erst beweisen, dass sie den Siebten Himmel verdient hat.
    Ich stelle mir dann immer wieder, wen ich dort oben alles so wiedertreffe von den Menschen, die ich bisher durchs Sterben verloren hab. Das tröstet mich irgendwie, und manchmal finde diese Vorstellung auch "lustig". So komisch es für andere sein mag. Mich beruhigt es, das da noch etwas sein könnte ...
    Ich lebe mittlerweile jeden Tag meines Lebens!

  4. 20. Mai 2017  20:56 von Monika Antworten

    Liebe Martina,

    danke für diesen schönen und einfühlsamen Artikel.

    Herzliche Grüße

    Monika

  5. 20. Mai 2017  20:51 von Annett Antworten

    Liebe Martina,
    ich bin grad völlig ergriffen.
    Hospiz-Sterbebegleitung ... Dinge, die ich auch in mein Leben integrieren möchte (werde).
    Dieses Thema geht seit ca. 6 Monaten schwanger mit mir.

    Keine Angst vor dem TOD - macht frei für das LEBEN.
    Das hat sich in den letzten Monaten so in mir verinnerlicht, dass es mich selber erstaunt.

    Mein Vater ist im Februar gegangen.
    Und ich spürte, wie wertvoll es ist, allen, die hierbleiben, Trost und Vertrauen darin zu geben, dass der TOD kein Ende ist.
    Diese Zuversicht strahlt ab ...

    Danke für deinen Filmtipp ... er ist abgespeichert.

    Ich freue mich sehr, dass ich dich finden durfte.

    Herzensgrüße von Annett

  6. 20. Mai 2017  20:16 von Manu Antworten

    Ein wichtiges Thema, dass jeden von uns betrifft. Danke für diesen Beitrag, möge er dazu beitragen, sich mit dem Leben und Sterben zu beschäftigen.

  7. 20. Mai 2017  20:00 von Birte Antworten

    Das ist ein Thema, das viele Menschen verdrängen - und doch ist es so wichtig, dass wir uns damit rechtzeitig auseinandersetzen.
    Danke, dass Du es hier ins Bewusstsein holst.

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